(…) Wenn man die Arbeiten der Brockmann-Preisträgerin von 2017 sieht, schwankt man nicht selten zunächst einmal zwischen großem ästhetischen Wohlgefallen und Verwirrung über die scheinbar zusammenhanglose und ungezielte Anordnung. Eine Annäherung gelingt möglicherweise zunächst methodisch: Helga Kämpf-Jansen, die sich in ihrer Forschung ausführlich mit der Methode der Ästhetischen Forschung auseinandergesetzt hat, hat eine Reihe Thesen zu dieser Art der Herangehensweise an künstlerische Prozesse, sowohl aus Künstlersicht, als auch aus Sicht des Betrachters aufgestellt. Dieses Thesenpapier besteht aus mehreren A4 Seiten, von deren Ausmaß ich Sie heute Abend verschone. Gleichsam möchte ich schlagwortartig ein paar Aspekte ohne Wertung aufreihen, die einen Zugang möglicherweise erleichtern.

Ästhetische Arbeit bedarf eines individuell erfahrbaren Sinns / Die Vorgehensweisen sind nicht additiv sondern vernetzt / In Alltagsweisen sind bereits wesentliche Handlungs- und Erkenntnisweisen vorgegeben, derer man sich nur bewusst werden muss / Kunst darf lügen zugunsten einer anderen Wahrheit / Ästhetische Forschung ist Prozessorientiert / Selbstreflexion und Bewusstseinsprozesse erhalten neue Dimensionen.

Anne selbst sagt, sie interessierte vor allem der Aspekt, dass der Kunstraum mit seinen großen Glasfronten während der Nicht-Öffnungszeiten wie ein Diorama funktioniere. Ein abgeschlossener Raum, der die reduzierte Form eines Lebensraumes zeigen könnte. Zentrum bildet ein Name, der sich zusammensetzt aus dem Namen des letzten Individuums eines inzwischen ausgestorbenen Tieres und der Bezeichnung für den generell letzten einer Art. Ein verwaistes Interior, das Lebensraum von etwas oder jemandem ist, der oder das fehlt. Wer oder was, bleibt offen. Es gibt vieler Räume, die dadurch in dem Raum entstehen. Vor allem gibt es nehmen vielen leeren Räumen auch viele Leerräume: Ein leerer Käfig, der durch ein auf Teppich gedrucktes Foto verpixelt zu erahnen ist, eine Vielzahl von Plakaten, auf denen eine Ölpfütze abgebildet ist, Räume im Kopf, die sich beim Durchblättern der eingangs erwähnten ausliegenden Zeitschrift ergeben, ein großer Slogan, der nichts erklärt, Wind, der etwas in Bewegung versetzt, das alltäglich anmutet und aber dennoch ein bestimmtes Gefühl in uns auslöst. Anne schafft es auf bemerkenswert sinnliche Weise, dass der Betrachter aushält, dass ihm keine Antworten geliefert werden, wie er es gewohnt ist... weil er genießt, was er sieht und weil es ihn anregt, immer wieder etwas Neues zu entdecken. (…)

Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung „luft auflösen“ mit Arne Rautenberg im Dezember 2018 von Ute Dietz und Chili Seitz



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